Ibn Sînâ (Avicenna) und der Streit zwischen Ärzten und Philosophen

Oder: Was steuern Frauen zur Zeugung von Kindern bei?

Spätestens aus meinem letzten Beitrag zu Ibn Sînâ wissen Sie, daß er keineswegs nur medizinische Werke verfaßt hat, sondern Meister einer ganzen Palette von Wissenschaften war – bei mittelalterlichen Gelehrten durchaus nicht ungewöhnlich. Insbesondere die Philosophie war ein wichtiges Betätigungsfeld für ihn, und er war ein feuriger Verfechter der Philosophie des Aristoteles (384-322 v.u.Z.).

Galen gegen Aristoteles: Menstruationsblut oder weiblicher Samen?

Zur Philosophie gehörte natürlich auch die Naturphilosophie. Ein Gegenstand des naturphilosophischen Denkens war unter anderem die Biologie, zu der auch die Anatomie und Physiologie des Menschen zählte. Hier überschnitten sich Naturphilosophie und Medizin. Dummerweise wußte man in der Medizin aber bereits seit den Schriften des bekannten hellenistischen Arztes Galen (2. Jh. u.Z.) sehr viel mehr über die Anatomie des Menschen, als sich Aristoteles in seiner Naturphilosophie Jahrhunderte zuvor hatte träumen lassen. Und das führte zu Widersprüchen zwischen aristotelischer Biologie und galenischer Medizin.

Zum Beispiel vertraten Aristoteles und Galen unterschiedliche Auffassungen darüber, ob die Kräfte im Körper von Tieren und Menschen nur vom Herzen als Sitz der Seele (Aristoteles) oder von Gehirn, Herz und Leber (Galen) ausgingen. Galen argumentierte für drei Organe, weil man zu seiner Zeit den Ursprungsort der Nerven im Gehirn sah, den der Venen in der Leber und nur den der Arterien im Herzen.

Zudem war Aristoteles der Meinung, daß nur der Mann mit seinem Samen den Fötus formen konnte – die Frau steuerte nach seiner Ansicht lediglich „passives“ Menstruationsblut als formbare Materie bei. Damit widersprach er einer früheren Theorie des Hippokrates (ca. 460-370 v.u.Z.), derzufolge sowohl der Mann als auch die Frau Samen zur Zeugung eines Kindes beitragen müßten, da Kinder beiden Eltern ähneln können.

Diese Auffassung des Hippokrates griff Galen wieder auf, weil mittlerweile die Eierstöcke entdeckt worden waren, die Aristoteles noch nicht gekannt hatte. Galen nannte sie „weibliche Hoden“ und argumentierte, daß Mann und Frau mit ihren jeweiligen „Hoden“ gleichermaßen Samen produzierten und daß sowohl der männliche als auch der weibliche Samen Materie und Form zur Zeugung beisteuerten.

Ibn Sînâ muß sich entscheiden – oder doch nicht?

Aufgrund der Widersprüche zwischen den Lehren des Aristoteles und des Galen über Zeugung und Anatomie herrschte jahrhundertelang ein Streit zwischen Ärzten und Philosophen. Die Ärzte hielten sich an Galen, und deshalb waren seine Lehren in der Medizin allgegenwärtig und beherrschend. Die Philosophen dagegen folgten Aristoteles. Beide konnten eigentlich nicht gleichzeitig recht haben. Sollte man zumindest meinen.

Deshalb steckte Ibn Sînâ in einer Zwickmühle, als er seine beiden großen Werke über die Medizin (al-Qânûn fi t-tibb – „Kanon der Medizin“) und über die Philosophie (Kitâb asch-Schifâ‘ – „Buch der Heilung“) verfaßte: Als Verfasser des „Kanon“ war er Mediziner, als Verfasser der „Heilung“ Philosoph. Jedenfalls wäre das die logische Aufteilung gewesen.

Tatsächlich scheint Ibn Sînâ sich aber vor allem als Philosoph verstanden zu haben, denn im Zweifel stand er auf der Seite des Aristoteles. Trotzdem war ihm natürlich klar, daß die galenische Medizin ihre Berechtigung hatte und die Anatomie des Aristoteles alles andere als vollkommen war. Wenn er dennoch die Vorrangstellung des Aristoteles verteidigen wollte, dann mußte er sich etwas einfallen lassen, um dessen Lehren vor den Argumenten Galens zu schützen.

So nahm Ibn Sînâ den Ausweg eines wirklich originellen Denkers und wurde kreativ. Im Kern sah das so aus: Er akzeptierte Galens anatomische Erkenntnisse grundsätzlich und schrieb auch den „Kanon“ im wesentlichen entsprechend der vorherrschenden galenischen Tradition. Doch in der „Heilung“ interpretierte er die Lehren des Aristoteles so, daß sich die Widersprüche zu Galen auflösten oder doch stark verringerten. Danach konnte man Aristoteles mit Galen nur noch schwer widerlegen. Man konnte sich höchstens fragen, ob das eigentlich noch die Lehrmeinung des Aristoteles war, denn eigentlich war es ja die von Ibn Sînâ.

Beispielsweise legte Ibn Sînâ dar, Galen habe seine Kenntnisse über die Ursprünge von Nerven, Venen und Arterien durch das Sezieren voll entwickelter Lebewesen gewonnen, während Aristoteles die zentrale Rolle des Herzens auf die Entwicklung des Embryos bezogen habe. Und obwohl er die Eierstöcke (oder „weiblichen Hoden“) schlecht wegdiskutieren konnte und sogar die Existenz des weiblichen Samens akzeptierte, wies Ibn Sînâ diesem weiblichen Samen exakt dieselbe Rolle zu, die Aristoteles für das Menstruationsblut vorgesehen hatte: passive, formbare Materie. Mit Blick auf den Beitrag der Frauen bei der Zeugung von Kindern machte Ibn Sînâ also eher Rück- als Fortschritte. 😉

Fazit

Im Streit zwischen Ärzten und Philosophen verstand sich Ibn Sînâ ganz offensichtlich als Philosoph. Ob er trotzdem auch Arzt war und was „Arztsein“ für ihn bedeutet hat, damit befassen wir uns in der nächsten (und wahrscheinlich letzten) Folge dieser Ibn-Sînâ-Miniserie.

Literatur

B. Musallam, “Avicenna x. Medicine and Biology,” Encyclopædia Iranica, III/1, pp. 94-99 (Publikationsdatum: 15. Dezember 1987); upgedatete Version online unter http://www.iranicaonline.org/articles/avicenna-x (letztes Update: 18. August 2011; zuletzt aufgerufen am 21.02.2015).

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6 Kommentare

  1. Pingback: [Persophonie] Ibn Sînâ (Avicenna) und der Streit zwischen Ärzten und Philosophen - #Iran | netzlesen.de

  2. Die Geschichte ist ein „schönes“ Beispiel dafür, wie weit Wissenschaft und Glaube auseinanderliegen (können).
    Und in Begriffen wie «“passives” Menstruationsblut“» und «weibliche Hoden» kommt eine – damals – männlich dominierte Sicht zum Vorschein, die ausblendet, dass Frauen die eigentlichen Menschen sind und Männer vielleicht eher Beiwerk zur Fortpflanzung.

    • Ja, damals war man genau umgekehrter Auffassung. Fairerweise muß man aber zugestehen, daß man es auch nicht so genau wissen konnte wie heute. Und für Männer scheint es ja in vielen Kulturen nahegelegen zu haben, daß selbstverständlich sie die Modelle für den „Menschen an sich“ sind. 🙂

      Mir als Frau gefällt Ihre Formulierung, daß „Frauen die eigentlichen Menschen sind“, übrigens ausnehmend gut. 😉

    • Ach ja, apropos Religion: Ich habe hier auch einen Autor, der die Theorie, daß der weibliche Samen ungefähr das gleiche zur Zeugung beisteuert wie der männliche, mit einem Koranvers untermauert.

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