Der arme gehörnte Mann – ‚Obeyd-e Zâkânîs Ehebruchwitze (Teil 5)

Eigentlich wollte ich meine Miniserie zum „armen gehörnten Mann“ ja mit dieser Folge abschließen. Dann habe ich festgestellt, daß einfach noch zuviel zu sagen ist. Dafür brauche ich zwei umfangreiche Folgen. Also habe ich sie aufgeteilt. Das hat den Nachteil, daß Sie in dieser Folge im Gegensatz zu dem, was der Titel verspricht, keine Witze von ‚Obeyd-e Zâkânî zu lesen bekommen. Dafür aber einen aus ‚Alî-ye Safîs Sammlung. In der nächsten Folge kehren wir aber zu ‚Obeyd zurück, versprochen! 🙂

Im letzten Teil dieser Miniserie haben Sie einiges über den Zusammenhang zwischen der Stoßrichtung von ‚Obeyd-e Zâkânîs Ehebruchwitzen und Gedanken aus anderen Literaturgattungen erfahren. Als Einstieg habe ich Nasîr ed-Dîn-e Tûsîs Darlegungen in seinem Ethikwerk gewählt, aus denen nach meiner Lesart eine tiefsitzende Furcht vor den Handlungsmöglichkeiten der (Ehe-)Frauen spricht. Ich finde, diese Furcht erklärt manches.

Dafür, daß ich Tûsî gewählt habe, gibt es einen bestimmten Grund: Bei meiner Arbeit an der Frage, welche Informationen man aus hauptsächlich persischen Witzsammlungen ableiten kann, ist mir nämlich etwas aufgefallen. Normative Ethikwerke und Witze scheinen sich in ihren Aussagen zu ergänzen. Wenn man sie nebeneinander legt, ist es, als würde man zwei Bruchstücke zu einer vollständigen Form verbinden. Ich möchte Ihnen das nur kurz an einem besonders auffälligen Beispiel vorführen.

Die Verschleierung der Frau als Zeichen der Wertschätzung

Um Tûsî nicht unrecht zu tun, muß ich an dieser Stelle nachschieben, daß er für den Umgang mit der Ehefrau selbstverständlich nicht nur disziplinierende Maßnahmen empfiehlt. Der Ehemann soll seine Frau auch gut behandeln, damit sie liebevolle Gefühle für ihn entwickelt.

Dazu gehört es, sich mit ihr über grundlegende Angelegenheiten des Haushalts zu beraten (solange das nicht dazu führt, daß sie ihm Befehle erteilen will) und ihr in der Haushaltsführung freie Hand zu lassen. Außerdem soll er eine gute Beziehung zu ihrer Familie aufrecht erhalten und ihr keine andere Frau vorziehen.

Ein Aspekt dieses aufmerksamen und wertschätzenden Verhaltens des Gatten ist der, daß er seine Frau von fremden Männern fernhält:

(…) Zweitens, daß er in ihrer Verhüllung und Abschirmung gegen Fremde gewaltigen Eifer an den Tag legt und es so einrichtet, daß ihr Aussehen, ihre Eigenschaften und ihre Stimme keinem Fremden zur Kenntnis gelangt. (S. 217)

Es mag Sie verwundern, daß Tûsî es als Zeichen der Güte des Ehemannes gegenüber seiner Frau betrachtet, wenn er darauf achtet, daß kein Fremder sie zu Gesicht (oder zu Gehör) bekommt. In unseren Augen sieht das ja eher nach einer Einschränkung aus.

Das ist übrigens auch dem englischen Übersetzer eines Folgewerkes in der Tûsî-Tradition aufgefallen. Ein gewisser W. F. Thompson vom bengalischen Civil Service hat sich im 19. Jahrhundert nämlich die Mühe gemacht, dieses spätere Ethikwerk aus dem Persischen ins Englische zu übertragen.

Eine ganze Menge englische Übersetzungen und Editionen von persischen Texten, die in Indien verbreitet waren, stammen wie diese noch aus der Kolonialzeit. Kolonialbeamte lernten mittels solcher Texte nämlich Persisch.

Der gute Thompson stellt also in Fußnote 10 auf Seite 265 fest:

Seltsamerweise wird die Abschirmung eher als Wertschätzung denn als Einschränkung verstanden; und zweifellos wäre, nachdem sie (die Abschirmung, SK) sich einmal eingebürgert hatte, ihre Vernachlässigung beleidigend. (…)

Interessanterweise ist es ein Witz, der uns die Richtigkeit genau dieser Überlegung bestätigt. Ausnahmsweise stammt er dieses Mal nicht von ‚Obeyd-e Zâkânî, sondern von ‚Alî-ye Safî:

Ein Zarîf heiratete eine äußerst häßliche Frau. Die Frau sagte: „Mann, du hast viele Brüder und Verwandte; bestimme, zu wem ich gehen und wem ich das Gesicht zeigen darf!“ Antwort: „Zeig dein Gesicht nicht mir und komm nicht zu mir, ansonsten geh, zu wem es dir beliebt, und zeig dein Gesicht, wem du willst!“ (S. 333)

Der Begriff „Zarîf“ läßt sich kaum mit einem Wort übersetzen. Oft wird er mit „Elegant“ übertragen und soll einen Mann bezeichnen, der sich im höfischen Milieu und der gehobenen Gesellschaft der Städte mit geschliffenen Umgangsformen zu bewegen wußte. In den Witzen, die ich untersucht habe, scheint „Zarîf“ aber eher einen Mann zu bezeichnen, der zu Scherzen aufgelegt, schlagfertig und nie um eine Pointe verlegen ist.

Auch in diesem Witz setzt der Zarîf eine Pointe, indem er die Frage seiner Frau so herumdreht, daß seine Antwort sie wegen ihrer Häßlichkeit beleidigt. Ob man das witzig finden muß, ist eine andere Frage. Was aber sehr deutlich wird, ist die Absicht der Beleidigung.

Die Frau geht selbstverständlich davon aus, daß ihr Mann nicht wünscht, daß sie jedem männlichen Verwandten ihr Gesicht zeigt. (Zu den zugrunde liegenden Regeln kommen wir ein anderes Mal.) Das gehört sich einfach so. Daher soll er ihr nun sagen, bei wem sie dies unterlassen soll.

Beleidigend ist die Antwort des Mannes aber nicht nur deshalb, weil er seine Ehefrau so häßlich findet, daß er selbst ihr Gesicht gar nicht ansehen will. Mit seiner Gleichgültigkeit zu der Frage, wem sie sonst ihr Gesicht zeigt, überbietet er das noch. Denn damit gibt er ihr zu verstehen, daß er nicht den leisesten Funken von Eifersucht bei der Vorstellung empfindet, andere Männer könnten sie ansehen. Das wiederum bedeutet, daß er sie so extrem reizlos findet, daß er sich nicht vorstellen kann, irgendein Mann wäre daran interessiert, mit ihr zu schlafen.

In einer Kultur, in der ein Mann und eine Frau nur allein in einem Raum sein müssen, um den Verdacht der Unzucht auf sich zu ziehen, ist das ein starkes Stück.

Frauen als Mängelwesen

Selbst wenn Tûsî Freundlichkeit und Güte gegenüber der Ehefrau empfiehlt, heißt das jedoch nicht, daß er sie für eine ebenbürtige Partnerin des Mannes hält. Vielmehr geht er von einer damals verbreiteten Grundannahme aus: Frauen mangle es an Verstand.

So soll man der Ehefrau vor allem deshalb keine andere Frau vorziehen, weil Frauen eine Veranlagung zur Eifersucht und einen Mangel an Verstand hätten. Beides zusammengenommen veranlasse sie zu häßlichen Handlungen mit üblen Folgen für den Haushalt (S. 218).

Diese Auffassung über Frauen als Mängelwesen ist übrigens nicht nur religiös begründet, sondern in noch viel umfassenderer Weise medizinisch. Im Rahmen der Säftelehre, die nicht nur im mittelalterlichen Europa, sondern auch in der islamischen Welt verbreitet war, stufte man das Temperament der Frauen nämlich im Vergleich zu dem der Männer als kalt und feucht ein.

Das hatte nicht nur zur Folge, daß man die weiblichen Geschlechtsorgane als weniger ausgereift betrachtete als die der Männer. Auch „Kräfte“ wie die für das Fühlen, Denken und zielgerichtete Handeln zuständige sind weniger stark ausgeprägt. Folglich sind diese Tätigkeiten bei Frauen grundsätzlich mangelhaft. Genauer habe ich das schon einmal in diesem Beitrag zur Medizingeschichte erklärt.

Letztlich ist also die körperliche Konstitution der Frauen so eingerichtet, daß man ihnen einfach nicht zutrauen kann, sich so verantwortungsvoll zu verhalten wie ein Mann. Deshalb muß der Mann peinlichst darauf achten, seine Vormachtstellung gegenüber der Frau nicht preiszugeben. Denn wenn die Frau das Zepter in die Hand bekommt, dann herrscht das Chaos ihrer irrationalen und ungezähmten Begierden.

Quellen

Davânî, Dschalâl ed-Dîn Mohammad b. As’ad: Achlâq-e Dschalâlî [Lavâme‘
ol-aschrâq fî makârem ol-achlâq]. Englische Übersetzung von W. F. Thompson: Practical philosophy of the Muhammadan people: exhibited in its professed connexion with the European … being a translation from the Akhlâk-i Jalâly …. London: Oriental Translation Fund of Great Britain and Ireland, 1839.

Safî, Fachr ed-Dîn ‘Alî b. Hoseyn Vâ’ez-e Kâschefî: Latâ’ef ot-tavâ’ef. Hrsg. v. Ahmad-e Goltschîn-e Ma’ânî. 4. Aufl. Tehrân: Eqbâl, 1362 sch./1983.

Tûsî, Châdsche Nasîr ed-Dîn: Achlâq-e Nâserî. Be tanqîh-o tashîh-e Modschtabâ Mînovî u. ‚Alî-Rezâ Heydarî. Tschâp-e avval. Tehrân: Scherkat-e Sahâmî-ye Enteschârât, 2536 šš./1356 š./1978.

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