Der arme gehörnte Mann – ‚Obeyd-e Zâkânîs Ehebruchwitze (Teil 6)

Heute lesen Sie die letzte Folge meiner Miniserie. Da die vorherige Folge schon ein Weilchen zurückliegt, fasse ich nochmal zusammen:

Beim Blick auf Beispieltexte aus den Bereichen Humor, Ethik und Medizin ist uns eine gewisse Angst der Männer vor dem Gehörntwerden aufgefallen. Frauen galten als weniger rational und deshalb für Männer schwer berechenbar. Natürlich ließ dieser wahrgenommene Mangel an Vernunft sie auch als unzuverlässig erscheinen.

Daher vermuteten Ehemänner in jedem fremden Mann eine Bedrohung, eine unwiderstehliche Versuchung für die Frau. Also galt es, seine Ehefrau von fremden Männern fernzuhalten – sogar von deren Anblick.

Dabei lag der Gedanke, die Frau könne ihren Ehemann von sich aus gernhaben und ihm freiwillig treu bleiben, offenbar nicht nahe. Bei Ehen, die selten aus einer Liebesbeziehung entstanden und meist von den Familien arrangiert wurden, ist das auch nicht erstaunlich. Der Mann hatte sich daher darum zu bemühen, sich die Ehefrau geneigt zu machen.

Zugleich durfte er nicht die Zügel schleifen lassen und sie nicht dazu ermutigen, Macht auszuüben. Denn man ging, wie es scheint, davon aus, daß Frauen dazu bei der kleinsten Nachlässigkeit sofort Neigung verspüren würden.

Frauen wurden also in gewisser Weise als regelrecht gefährlich empfunden und mußten deshalb sorgfältig und möglichst lückenlos kontrolliert werden.

‚Obeyd und die Ehe: Eine radikale Lösung

Vor dem Hintergrund dieses Frauenbildes verwundert es nicht mehr sonderlich, daß Männern die Aussicht auf eine Ehe nicht zwangsläufig rosig erschien.

‚Obeyd-e Zâkânî führt denn auch eine Reihe von „Ratschlägen“ und humoristischen „Definitionen“ an, in denen er dem Leser die Vorzüge des Junggesellentums und die Nachteile des Daseins als Ehemann und Familienvater vor Augen hält.

Dabei spielt allerdings auch die Erwägung eine wesentliche Rolle, daß eine Familie für den Mann eine schwere Belastung war. Schließlich hatte er sie zu ernähren, und das war schwierig und anstrengend.

Ich will mich hier aber auf wenige Beispiele mit einem Schwerpunkt auf dem Verhältnis zur Ehefrau beschränken:

Lehrt eure Ehefrauen den Umgang mit einem (künstlichen) Kâschî-
Penis oder einem aus Leder und dergleichen, damit sie nicht hinter eurem Rücken das Bedürfnis nach einem anderen verspüren, denn das Bedürfnis ist eine harte Sache! (S. 321, Nr. 58)

Der Ledige: Der der Welt ins Gesicht (w.: in den Bart) lacht. (S. 329, Fasl 9)

Der Zweigehörnte: Der zwei Frauen hat. (S. 329, Fasl 9)

Der Hahnrei: Ein alter Mann, der eine junge Frau hat. (S. 329, Fasl 9)

Die Erleichterung nach dem Drangsal: Das dreimalige Aussprechen der Scheidungsformel. (S. 329, Fasl 9)

Schon diese Handvoll Sätze enthält mehrere Anspielungen, die alle zu erklären hier zu weit führen würde. ‚Obeyd ist nämlich ein Künstler des knappen und beziehungsreichen Ausdrucks. Wirklich erklärungsbedürftig scheint mir nur das dreimalige Aussprechen der Scheidungsformel.

Nach islamischem Recht ist die Ehescheidung erst unumkehrbar, wenn der Ehemann die vorgeschriebene Scheidungsformel dreimal ausgesprochen hat. In diesem Fall ist eine erneute Heirat nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Allerdings ist diese Regelung nicht so gedacht, daß die Scheidungsformel dreimal unmittelbar nacheinander ausgesprochen wird. Trotzdem führt aber auch das zu einer gültigen Scheidung.

Ansonsten sprechen ‚Obeyds „Ratschlag“ und seine „Definitionen“ zwar für sich. Doch dabei ergibt sich wie üblich das Problem, daß man nicht ohne weiteres sagen kann, ob sie ironisch oder wörtlich zu verstehen sind.

Soll heißen: ‚Obeyd könnte den einen oder anderen Satz durchaus ernst gemeint haben, so daß allein die darin enthaltene Abweichung von der idealen Norm einen komischen Bruch erzeugt. Es ist aber genauso gut möglich und auch nicht unwahrscheinlich, daß er mit diesen pointierten Aussagen verbreitete Haltungen verspottet. Dann wären sie ironisch gemeint. In beiden Fällen wird aber deutlich, daß er hier ein Problem zur Sprache bringt.

Nach der üblichen Auffassung sind Ehe und Familie eine vorbildliche Lebensweise des Propheten Muhammad und damit jedem Muslim zu empfehlen. Hier wird jedoch die Auffassung ausgesprochen, daß das Eheleben eine Last für den Mann ist und ihn in die akute Gefahr bringt, von seiner Frau (oder gar seinen Frauen) gehörnt zu werden. Der einzig Glückliche ist vor einem solchen Hintergrund der ledige Mann.

Das entspricht nun überhaupt nicht dem islamischen Ideal. Ob ‚Obeyd damit aber sagen will, daß dieses Ideal an der Wirklichkeit vorbeigeht, oder ob er genau diese Auffassung verspotten will, läßt sich nicht so einfach entscheiden. In jedem Fall steht auf die eine oder andere Weise jedoch eine negative Sicht auf Ehe und Familie im Hintergrund, die mit dem Ideal in Konflikt steht.

Zwischen Ethik und Medizin: Die erotische Lösung

Man muß sich dieser negativen Sicht aber nicht anschließen, selbst wenn man die Furcht vor dem Gehörntwerden ernst nimmt. Eine unerwartete Lösung hierfür bieten die indo-persischen Erotikratgeber an, mit denen ich mich in den letzten Jahren hauptsächlich beschäftigt habe.

Ich möchte mich dabei auf einen Ratgeber beschränken. Allerdings liegt er in sehr vielen Handschriften vor, deren Inhalte zum Teil stark voneinander abweichen. Sehr wahrscheinlich gehen die meisten dieser Handschriften aber auf eine persische Übertragung eines ebenso vielfältig überlieferten Sanskritwerkes zurück. Diese persische Übertragung könnte aus dem 14. Jahrhundert stammen. Sicher wissen wir das aber nicht.

Die meisten erhaltenen Handschriften sind jedenfalls im 18. und 19. Jahrhundert entstanden, größtenteils in Indien, aber auch in Iran. Sie tragen fast immer den Titel der Übersetzung aus dem 14. Jahrhundert: „Die Lust der Frauen“.

Das klingt, als ob hier die Frau und ihr Lustgewinn beim Geschlechtsverkehr im Mittelpunkt stünden. In gewisser Weise stimmt das sogar. Allerdings gibt es handfeste Gründe, weshalb Männer Interesse daran haben sollten, Frauen mit sexueller Lust zu beglücken. Und an Männer richtet sich dieser Erotikratgeber hauptsächlich.

Schauen wir zunächst, was er den Lesern beibringen möchten:

  • Wie man Frauen Lust am Geschlechtsverkehr verschaffen kann,
  • wie Männer selbst mehr Genuß aus dem Geschlechtsverkehr ziehen können,
  • wie Männer Potenzprobleme überwinden und lang anhaltende, starke Erektionen hervorrufen können.

Das ist nicht alles, aber es sind einige der wichtigsten Punkte. Zwischen der Lust der Frauen und der Potenz der Männer besteht natürlich ein Zusammenhang, denn die männliche Potenz wird als Voraussetzung dafür angesehen, daß die Frau beim Sex Lust empfinden kann. Zugleich erweist sich durch diese Potenz – durch die „Macht“, Frauen zu befriedigen – die Männlichkeit des Mannes. Platt gesagt: Ein impotenter Mann ist kein richtiger Mann.

Aber der Ratgeber nennt noch einen anderen Grund dafür, daß der Mann der Frau Lust verschaffen soll. Dabei geht es nämlich nicht in erster Linie darum, der Frau etwas Gutes zu tun. Vielmehr kommt es unmittelbar wieder dem Mann zugute, wenn er die Frau virtuos befriedigen kann: Dann entbrennt sie nämlich in Liebe zu ihm, ja, kann ihm regelrecht hörig werden. Zumindest begehrt sie aber keinen anderen Mann mehr.

Das ist genau das, was Ehemänner ebenso wie Herrscher mit Harem am dringendsten brauchen: freiwillig treue Frauen, die sich dem Willen des Mannes widerspruchslos unterwerfen.

Die Passagen, die das am deutlichsten ausdrücken, findet man meist in der Einleitung des Ratgebers. Die eindeutigste Variante geht so:

Jeder, der die Voraussetzungen und Mittel aus diesem Buch erfährt, der wird auf jeden Fall aus diesem Wissen volle Kraft schöpfen und die Frau, die sich ihm nicht unterwirft, wird ihm gegenüber gehorsam und gefügig werden. (Fol. 3r)

Interessanterweise verbinden viele der Handschriften Erotiktechniken und Potenzrezepte mit Überlegungen, die erkennbar aus Ethikwerken wie dem von Nasîr ed-Dîn-e Tûsî entnommen wurden.

Fazit

Selbst Erotikratgeber nehmen sich also der Angst vor dem Gehörntwerden an und stimmen in den Chor des Mißtrauens gegen Frauen ein. Doch anders als in anderen Literaturgattungen wird hier ein „sanfter“ Weg beschritten, um Frauen unter Kontrolle zu bringen: Männer werden darin unterwiesen, wie sie Frauen befriedigen können. Liebe, Treue und Gehorsam folgen dann ganz von selbst.

Der „arme gehörnte Mann“ ist also keineswegs nur ein Thema von Witzen. Man machte sich zwar über Männer lustig, die ihre Frauen nicht unter Kontrolle hatten. Doch das scheint vor allem deshalb ein Witzthema gewesen zu sein, weil die Furcht davor, es könne einem selbst ähnlich ergehen, verbreitet war und tief saß.

Quellen

Zâkânî, Nezâm ed-Dîn ‚Obeydollâh: Kolliyyât-e ‚Obeyd-e Zâkânî/Collected Works. Ed. by Mohammad-Ja’far Mahjoub. New York: Bibliotheca Persica Press, 1999. (Madschmû’e-ye Motûn-e Fârsî; Selsele-ye Nou, Schomâre-ye 2/Persian Text Series; New Series, no. 2).

Persische Handschrift Nr. 5 in Det Kongelige Bibliotek (Danmarks Nationalbibliotek og Københavns Universitetsbibliotek), Kopenhagen.

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