Timuridische Empfindlichkeiten – Bruderkrieg: ja, den Bruder töten: nein

Wissen Sie, was ein „Mogul“ ist? Bestimmt. Das Wort kommt von einer Dynastie, die vom 16. bis ins 19. Jahrhundert in Indien herrschte.

Sie stammten einerseits von dem Eroberer Timur (Tamerlan, 1336-1405) ab, andererseits aber auch von Dschingis Khan (st. 1227). Deshalb bezeichneten die Europäer die Dynastie als „Moguln“ – das ist die persische Bezeichnung für „Mongole“ (moghol, moghûl).

Die Moguln selbst nannten sich anders, und da sie von Timur abstammen, nennt man sie auf persisch heute die „indischen Timuriden“. Dagegen sind die Europäer bis heute bei der Bezeichnung „Moguln“ geblieben.

Und weil die Moguln reich und mächtig waren und die Europäer mit ihrer Prachtentfaltung beeindruckten, nennen wir sehr reiche und mächtige Leute heute noch „Mogul“. Doch das kam später.

Erst einmal mußte diese Timuridenfamilie Indien nämlich erobern. Das war gar nicht so einfach. Nachdem der Gründer der späteren Moguldynastie, Zahîr ed-Dîn Mohammad Bâbor (1483-1530) sich militärisch in Nordindien durchgesetzt hatte, verlor sein ältester Sohn Homâyûn (1508-1556) die eroberten Gebiete erst einmal wieder und mußte sich Verstärkung bei dem Safaviden-Schâh Tahmâsp I. (1514-1576) holen.

Das hatte er nicht zuletzt seinen reizenden drei Halbbrüdern zu verdanken, die sich nicht mit ihm auf ein gemeinsames Vorgehen einigen konnten. Auch in der Folgezeit verhielten sie sich oftmals wenig brüderlich – oder eben doch.

Um das zu verstehen, muß man wissen, daß es bei den Timuriden alles andere als eindeutig war, wer nach dem Tod eines Herrschers sein Nachfolger werden würde. Selbst wenn der Vater sich dazu geäußert hatte, mußte das nicht bedeuten, daß die anderen Söhne sich dem fügen würden. Einem ältesten Sohn, der sich nicht durchzusetzen wußte, half seine Stellung in der Geschwisterreihe wenig.

Mit anderen Worten: Herrscher wurde, wer sich – meist militärisch – gegen andere Thronanwärter behauptete. Dagegen war das Primogeniturprinzip geradezu ein Quell paradiesischer Ordnung.

Dummerweise hatten Bâbors Söhne in Indien aber noch eine Menge anderer Feinde, und einer davon war ziemlich talentiert. Deshalb war es nicht die allerbeste Idee, sich zu zerstreiten, bevor die Herrschaft der eigenen Familie gesichert war.

Homâyûn. Akbarname, 1602-4, British Library. Public domain. Quelle: Wikimedia Commons

Homâyûn. Akbarname, 1602-4, British Library. Public domain. Quelle: Wikimedia Commons

Homâyûn mußte auf seiner Flucht ins safavidische Iran auch seinen damals einjährigen Erstgeborenen – den späteren Großmogul Akbar (1542-1605) – zurücklassen. Der fiel prompt seinem Onkel ʿAskarî (1516-1557) in die Hände, dem zweiten Halbbruder seines Vaters. Dieser übergab ihn an seinen älteren Bruder Kâmrân (1509-1557), der ihm interessanterweise kein Haar krümmte. Es gab also doch eine gewisse Familiensolidarität.

Die sollte sich auch in der Folgezeit zeigen – auf etwas ulkige Weise, wie ich finde.

Als Homâyûn aus Iran zurückkehrte und sich anschickte, Indien erneut zu erobern, mußte er zunächst einmal seinem Halbbruder Kâmrân die Stadt Kâbol abnehmen. Dort fand er auch seinen Sohn Akbar heil und gesund vor.

Doch Kâmrân, der am Anfang von Homâyûns Herrschaft noch den jüngsten Bruder Hendâl (1519-1551) nach einer Rebellion zur Raison gebracht hatte, ließ jetzt nicht locker. Immer wieder begehrte er gegen Homâyûn auf und verwickelte ihn in Kämpfe, immer wieder entkam er.

Zunächst nahm Kâmrân Homâyûn in dessen Abwesenheit Kâbol wieder ab. Erneut bekam er dadurch Akbar in die Hände. Dieses Mal hätte das ins Auge gehen können, denn Homâyûn belagerte Kâbol, und Kâmrân wurde nervös.

Erst ließ er „nur“ die Frauen und Kinder einiger Gefolgsleute Homâyûns foltern und töten. Doch dann kam er auf die Idee, den kleinen Akbar in die Schußlinie zu stellen. Dem Kind geschah zwar nichts, doch der Berichterstatter ist empört von dieser schändlichen Tat.

Auch dieses Mal verlor Kâmrân Kâbol und entkam. Doch es sollte, wie schon gesagt, jahrelang zu weiteren Gefechten zwischen den Brüdern kommen. Hendâl stand mittlerweile fest auf Homâyûns Seite und kämpfte auch im Jahr 1551 für seinen ältesten Bruder gegen Kâmrân.

Das sollte ihm zum Verhängnis werden. Bei einem Nachtangriff wurde er im Handgemenge von einem Afghanen aus Kâmrâns Streitkraft überwältigt und getötet. Der Mann wußte noch nicht einmal, mit wem er es zu tun hatte.

Als er seine Beute vor Kâmrân brachte, erkannte dieser den verzierten Köcher seines Bruders und … warf vor Schmerz und Trauer seinen Turban zu Boden. Hätten Sie das gedacht?

Nun waren die Befehlshaber zwar nicht unbedingt in der ersten Reihe des Gefechts und überlebten deshalb oft ihre eigenen Schlachten leichter als ihre Soldaten.

Trotzdem finde ich es verblüffend, daß ein Mann, der gegen seine Brüder Krieg führt, sie offenbar dennoch nicht töten möchte. So als wäre das alles ein großes Spiel unter Brüdern und blutiger Ernst nur für ihre Soldaten.

Raten Sie mal, was Homâyûn tat, als er Kâmrân schließlich nach Jahren des Bruderkriegs in seine Hände bekam! – Richtig: Er wollte diesen beständigen Stachel in seinem Fleisch trotz allem nicht töten.

Doch er ließ sich davon überzeugen, daß man Kâmrân Jahre der Rebellion nicht einfach ungestraft durchgehen lassen konnte. Widerwillig ließ er seinen Bruder deshalb blenden.

Der war so erleichtert darüber, daß Homâyûn ihn nicht zum Tode verurteilt hatte, daß er diese wohl sehr gründlich durchgeführte Prozedur ohne Protest über sich ergehen ließ.

Zu den früheren muslimischen Herrschern Nordindiens, den Dynastien des Delhi-Sultanats, bilden solche zarten brüderlichen Gefühle übrigens einen bemerkenswerten Kontrast. Unter den Tughluqs und anderen war es nämlich durchaus nicht unüblich, Vater und Bruder umzubringen. Doch das erzähle ich ihnen ein anderes Mal.

Quelle

Abu l-Fazl-e ʿAllâmî b. Mobârak: Akbar-nâme. Engl. Übers. H. Beveridge. 3 Bde. Calcutta 1897-1939. Abrufbar unter:
persian.packhum.org/persian/

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8 Kommentare

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  4. Wenn es der eigenen Machtstellung dienlich war, konnte man ja auch mal mit der Familie zusammen arbeiten – das Problem war ja vielmehr, dass sich die Loyalitäten ständig änderten…

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