Kränke nie einen Satiriker oder: ʿObeyd-e Zâkânîs Replik auf Salmâns Angriff

Letzten Mittwoch war ich in Exeter auf einem vergnüglichen Workshop über Obszönität und Magie. Dafür habe ich mich wieder einmal mit ʿObeyd-e Zâkânî befaßt. Ich habe nämlich eine Verbindung zwischen ihm und meinen indo-persischen Erotik-Traktaten gefunden, aber darüber berichte ich ein anderes Mal.

Heute möchte ich Ihnen eine Anekdote erzählen, die ich in diesem Zusammenhang wieder ausgegraben habe. Sie ist sehr bekannt, weil sie in der traditionellen biographischen Literatur über Dichter – den tazkeres – mehrfach überliefert ist. Historisch verbürgt ist ihr Inhalt allerdings nicht.

Dafür ist sie amüsant und wirft ein Schlaglicht auf ʿObeyds scharfe Zunge. Sie handelt nämlich davon, wie sich ʿObeyd bei seinem Dichterkollegen Salmân-e Sâvadschî (ca. 1300-1375) für ein Schmähgedicht revanchiert haben soll. Salmân war ein Lobdichter der Dschalâyiriden und lebte zur selben Zeit wie ʿObeyd. Sie waren wahrscheinlich sogar ungefähr gleich alt.

Bekanntermaßen gibt es zwischen zwei Menschen, die zur selben Zeit im selben Metier tätig sind, gelegentlich Eifersüchteleien. Etwas in dieser Art soll wohl Salmân geritten haben, als er angeblich ein kurzes Spottgedicht auf ʿObeyd dichtete.

Darin beschimpft er ʿObeyd als religionslosen (lies: amoralischen) Spötter und Höllenanwärter und macht sich über ʿObeyds Herkunft aus einem Dorf bei Qazvîn lustig. Zu dieser Zeit waren die Leute aus Qazvîn so etwas ähnliches wie unsere Ostfriesen.

Doch ʿObeyd ließ das nicht auf sich sitzen:

Man erzählt, daß Châdsche Salmân einmal auf einer Reise prunkvoll an einem Fluß kampierte. ʿObeyd-e Zâkânî stieß zu Fuß zu dieser Gesellschaft.

Salmân sagte: „Bruder, woher kommst du?“
ʿObeyd antwortete: „Aus Qazvîn.“
Salmân fragte: „Kennst du ein Gedicht von Salmân auswendig?“
ʿObeyd sagte: „Ich kenne ein, zwei Verse.“
Salmân sagte: „Rezitiere sie!“

ʿObeyd rezitierte diese beiden Verse:
Ich verkehr in Kaschemmen, verehre den Wein,
kehr verliebt und betrunken bei Magiern ein.

Wie der Weinkrug von Schulter zu Schulter ich geh
und von Hand hin zu Hand wie der Becher voll Wein.

Diese beiden Verse sagte er auf und meinte: „Châdsche Salmân ist ein großer und gebildeter Mann. Ich glaube nicht, daß man ihm dieses Gedicht zuschreiben kann. Eher vermute ich, daß dieses Gedicht von Châdsche Salmâns Frau stammt, denn ihr solche Worte zuzuschreiben ist angemessener.“

Das saß natürlich, und Salmân erkannte sofort, daß dieser Fremde ʿObeyd-e Zâkânî sein mußte. In einer Kultur, in der es schon unanständig war, die Ehefrau eines anderen auch nur direkt zu erwähnen, ist die Behauptung, sie habe solche Verse über ihr Lotterleben gemacht, mehr als nur eine Ohrfeige.

Die Anekdote nimmt aber trotzdem ein gutes Ende: ʿObeyd weist Salmân zurecht, daß es nicht in Ordnung sei, Spottgedichte über Menschen zu machen, die man gar nicht persönlich kennt, und Salmân freut sich, daß er so glimpflich davongekommen ist und beschenkt ʿObeyd reichlich.

Außerdem soll er sich von da an vor ʿObeyds scharfer Zunge in acht genommen und ihn nicht mehr beleidigt haben. Kurz: Die beiden wurden Freunde, wie es unter Dichtern wohl trotz dichterischen Schlagabtausches öfter vorgekommen ist.

P.S.

Um das Versmaß zu halten, mußte ich aus den „Magierschenken“ die „Magier“ machen. Es ist eine typische Metapher in der persischen Dichtung, die Weinschenken mit den Zoroastriern in Verbindung zu bringen. Diese sind nämlich mit den „Magiern“ (im Original: moghân) gemeint. Ich hoffe, meine Nachdichtung gibt einen ungefähren Eindruck vom Schwung des Originals und ist trotzdem verständlich.

Quellen und Literatur

Jan Rypka: Iranische Literaturgeschichte. Ergänzte und erweiterte deutsche Ausgabe hrsg. u. redigiert v. Heinrich F. J. Junker. Leipzig: VEB Leipziger Druckhaus, 1959. (Iranische Texte und Hilfsbücher, Bd. 4). S. 254.

Doulatschâh-e Samarqandî: Tazkerat osch-scho’arâ‘. Hrsg. v. Edward Browne. Tehrân: Asâtîr, 1382 sch./2003. [1901] S. 290.

Beitragsbild

Goldpokal, fotografiert von Jonathan Cardy im Georgischen Nationalmuseum. Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported. Wiedergabe unverändert.


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3 Kommentare

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  2. Schöne Anekdote! Das saß XD

    Ich finde die Nachdichtung übrigens gelungen. Die Nähe zum Original kann ich natürlich nicht beurteilen, aber die deutsche Version funktioniert auf jeden Fall gut 🙂

    • Das freut mich. Man kann das selbst ja nicht wirklich einschätzen. Der Reim ist im Original kunstfertiger, aber inhaltlich ist meine Nachdichtung sehr nahe dran. Ich dachte erst, ich bekäme das nicht in ein einheitliches Metrum, aber dann ging’s irgendwie doch.

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