Bhopal – Ent-/Verschleiere Dich und herrsche! Teil I

Nein, es geht in diesem Beitrag ausdrücklich NICHT darum, Argumente für oder gegen das Burka- bzw. Burkini-Verbot beizusteuern. Vielmehr geht es mir darum zu zeigen, dass die Frage der Ver- bzw. Entschleierung von Frauen zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten mit verschiedenen Argumenten geführt wurde. Das von mir angeführte Beispiel geht zurück ins frühe 20. Jahrhundert und führt uns in den unter britischer Herrschaft stehenden muslimischen Fürstenstaat („Princely State“)  Bhopal mit der gleichnamigen Hauptstadt. 1984 erlangte Bhopal eine traurige Berühmtheit durch die von Union Carbide verursachte Giftgas-Katastrophe.

Weniger bekannt ist, dass Bhopal über 100 Jahre fast ununterbrochen von einer Dynastie muslimischer Herrscherinnen, den Begums, regiert wurde, die den Staat geschickt zwischen einer „Islamisierung“ (im Sinne von einer Einführung islamischer Institutionen) und der Kooperation mit den Briten regierten. Ich habe 1996/7 meine Magister-Arbeit über die  Begums geschrieben – und diese 2000 in New Delhi veröffentlicht. Schon damals hat mich fasziniert, wie unterschiedlich die Begums waren – und wie unterschiedlich die Frauen sich in der Frage der Ver- bzw. Entschleierung entschieden haben.

In Südasien heißt das Prinzip der Geschlechter-Trennung, wie es von Muslimen, aber auch von Hindus praktiziert wurde und wird, purdah (von persisch: parde = „Vorhang“). Damit ist sowohl die Trennung von Männern und Frauen in einem Haus (z.B. in Frauengemächern – dem zenânah -) als auch die persönliche Verschleierung einer Frau gemeint. Zurück zum Beispiel von Bhopal.

 

Preckel_Begum_Bhopal

Titelblatt meiner Magisterarbeit, die ich ins Englische übersetzte und in New Delhi veröffentlichte (2000).

Qudsiyya, die erste Begum von Bhopal

Die erste weibliche Herrscherin Bhopals  war Qudsiyyya Begum (reg. 1818-1837). Sie bestieg als 17-Jährige Witwe nach dem Tod ihres Gatten, der unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen war, mit Zustimmung ihrer Brüder den Thron von Bhopal. Ihr bisheriges Leben hatte sie in purdah verbracht. Sie beschloss, als Herrscherin die Verschleierung aufzugeben. Die Vertreter der East India Company, die ihre Herrschaft zu diesem Zeitpunkt in dem Gebiet Bhopals ausgebreitet hatten, waren sichtlich beeindruckt von der Fürstin, die – nunmehr unverschleiert –  ihre Fähigkeiten im Reiten, Bogenschießen und im Umgang mit der Lanze öffentlich unter Beweis stellte.

Sikander Begum – „dominant, energisch“ –  und unverschleiert:

Nach einem kurzen Intermezzo der männlichen Herrschaft durch Qudsiyya Begums (ihr verhassten) Schwiegersohn Dschahângîr Muhammad Khân (reg. 1837-1844) wurde Qudsiyyas einziges Kind Sikander Begum (reg. 1844-1868) Regentin Bhopals. In ihre Regierungszeit fielen viele Reformen, der Aufbau eines islamischen Bildungswesens, der Bau von Moscheen und die Förderung von (persischer) Literatur und Dichtung. Dabei konnte Sikander Begum auf die Unterstützung der Briten zählen, die nach der „Meuterei“ (Mutiny) von 1857 nunmehr Indien zur Kronkolonie gemacht hatten. Queen Victoria trug nun offiziell den Titel „Qaisar-e Hind“ (Kaiserin Indiens)  – und es ist natürlich auch für den Umgang mit den Begums von Bhopal nicht unbedeutend, dass auch Großbritannien eine Herrscherin hatte.

Sikander Begum stand der purdah immer ablehnend gegenüber und erschien stets unverschleiert in der Öffentlichkeit. Wie ihre Mutter betonte Sikander Begum das paschtunische Erbe ihrer Familie und zeigte sich als gute Reiterin und Bogenschützin. Sie sorgte auch dafür, dass ihre Tochter Schâh Dschahân Begum (englisch: Shah Jahan Begum, reg. 1868-1901) ebenfalls in diesen Fächern Unterricht erhielt. Schâh Dschahân Begum jedoch schien sich mehr für Poesie und Kunst zu interessieren. Britische Kolonialbeamte beschrieben sie als „klein und zerbrechlich“, ihre Mutter als „dominant und energisch – fast männlich“ (Preckel 2001: 61).

Schon während der Kindheit Schâh Dschahâns gab es anscheinend Konflikte zwischen Mutter und Tochter, die sich verschärften, nachdem Schâh Dschahân Bâqî Muhammad Khân geheiratet hatte. Zwar hatte Sikander Begum ihren Schwiegersohn aus den Reihen der bhopalesischen Heeresführung selbst ausgesucht, ihr missfiel aber, dass Schâh Dschahân nun stets verschleiert auftrat. Sikander Begum machte ihren Schwiegersohn dafür verantwortlich – Schâh Dschahân Begum allerdings betonte die Notwendigkeit der purdah. Der Konflikt über die Verschleierung blieb sogar dem französischen Reisenden Louis Rousselet, der 1867 Bhopal – unmittelbar nach dem Tod Bâqî Muhammad Khâns – besuchte, nicht verborgen.

Sikander Begum, die wie gesagt ihren Schwiegersohn bezichtigte, Schâh Dschahân Begum zur Verschleierung gezwungen zu haben, äußerte sich dahingehend, dass sie persönlich den Verlust ihres Militärratgebers bedauerte, ihre Tochter allerdings nicht trauern müsse, denn „der Gefangene bedauert ja auch nicht den Verlust des Gefängniswärters“ (Preckel 2000: 97). Auch aus heutiger Perspektive ist interessant, dass Sikander Begum ihrer Tochter eine eigene Entscheidung nicht zutraute.

Schâh Dschahân Begum – die Rückkehr zum Schleier

Nach dem Tod Bâqî Muhammmad Khâns gab Schâh Dschahân die purdah zur Entrüstung ihrer Mutter nicht auf. Der Mutter-Tochter-Konflikt blieb bis zu Sikander Begums Tod 1868 bestehen, Schâh Dschahân Begum wurde die neue Regentin Bhopals. Ihre einzige überlebende Tochter Sultân Dschahân Begum (reg. 1901-1925, st. 1930) wurde auch von den Briten als offizielle Thronfolgerin bestätigt.

Der Mutter-Tochter-Konflikt setzte sich indes in der nächsten Generation fort. Schâh Dschahân Begum heiratete 1871 nämlich in 2. Ehe den mittellosen islamischen Gelehrten Muhammad Siddîq Hasan Khân (st. 1890), der zuvor zum Stab der Sekretäre Bhopals gehört hatte. Er gehörte zu den Mitbegründern einer neuen, salafistisch orientierten Reformbewegung, den Ahl-e hadîth, und machte Bhopal zu einem Zentrum dieser Bewegung. Die älteren Eliten, die häufig mit dem mystischen Islam verbunden waren,  dessen „exzessive Praktiken“ die Ahl-e hadîth beständig kritisierten, fühlten sich an die Seite gedrängt. Sie unterstützten nun Sultan Dschahân Begum, die ihrerseits fürchtete, dass die neue Ehe ihrer Mutter einen männlichen Thronerben hervorbringen könnte.

Während Mutter und Tochter auf der persönlichen Ebene weiterhin ihre Konflikte ausfochten, waren sie sich in einer Sache einig: die Vollverschleierung sei eine Notwendigkeit. Schâh Dschahân Begum betonte dieses ständig in ihren eigenen Werken, vor allem aber in ihrem Werk Tahdhîb al-niswân wa-tarbîyat al-insân („Bildung für Frauen und Erziehung der Menschheit“), das zu großen Teilen eine Sammlung von Koranversen und Prophetenaussprüchen ist.

In der Praxis schuf Schâh Dschahân Begum zahlreiche Institutionen für Frauen in purdah. 1891 wurde anlässlich des Besuches des britischen Vizekönigs Indiens, Lord Lansdowne, das Lady Lansdowne Hospital eröffnet, in dem es spezielle (gynäkologische) Angebote für „Purdah Ladies“ gab. Zudem gründete Schâh Dschahân Begum ein Serail, eine Unterkunft für Reisende in purdah. Um vor allem ärmeren Witwen die Gelegenheit zu geben, Einkünfte zu erzielen, ließ die Herrscherin einen speziellen Bazar für Frauen in purdah errichten, die dort ihre Waren und selbtgekochten Speisen anbieten konnten. Eindeutiges Ziel war es, vollverschleierten Frauen die Gelegenheit zu geben, am öffentlichen Leben teilzuhaben und – modern ausgedrückt – die Infrastruktur Bhopals zu nutzen.

Wie erwähnt, erschien Schâh Dschahan Begum  selbst niemals unverschleiert in der Öffentlichkeit. Für einige Portraits und offizielle Aufnahmen ließ sie sich dennoch porträtieren. Das blieb die Ausnahme. Etliche britische Beamte bekamen nur die verschleierte Begum zu Gesicht, es ist jedoch aus den Quellen ersichtlich, dass einzelne Offizielle Schâh Dschahân auch ohne Verschleierung trafen und sie dann als „sehr kleine, hübsche Frau mit wachen, intelligenten Augen“  beschrieben. Von den Briten erhielt Schâh Dschahân zahlreiche Auszeichnungen, wie z.B. den Grand Commander of the Star of India (GCSI). Anläßlich der Verleihung dieses Ordens 1875 in Bombay durch den Prince of Wales schrieb eine Britin (M.E. Corbet):

Die Begum von Bhopal erschien zuerst, sie ist die einzige Trägerin des Ordens (im Original: the only Lady Knight Commander). Sie war sehr klein, und ihr Gesicht war von einem blauen Schleier bedeckt, welcher wie ein Visier hervorragte, damit niemand sie sehen konnte. Sie sah wie ein Bündel Seide aus, bedeckt mit dem blauen Mantel des Ordens. (Preckel 2000: 160).

 

Der purdah-Streit

Während Schâh Dschahâns Verschleierung von den Europäern (Männern wie Frauen) zwar verwundert zur Kenntnis genommen wurde, gab es knapp zwei Jahrzehnte keine negativen Äußerungen zu diesem Thema. Die Verwaltungsreformen und die Loyalität gegenüber den Briten wurden gelobt, die Begum traf in purdah alle wichtigen und weniger wichtigen Repräsentanten der Briten in Indien.

Doch mit dem neuen Vertreter des Governor-Generals der Briten, Sir Lepel Griffin, änderte sich die Situation grundlegend. Griffin beobachtete mit Sorge die internationale Vernetzung von Schâh Dschahâns Ehemann Muhammad Siddîq Hasan Khân, die scheinbar bis zum Mahdi im Sudan reichte. Griffin vertrat in seinen Berichten nach London ab 1881 nun die Ansicht, dass die antibritischen Kräfte in Bhopal die Kontrolle über die Herrscherin erlangt hätten. 1888 war die Situation endgültig eskaliert. Griffin führte ein Gespräch mit Schâh Dschahân, in dem er die Herrscherin nachdrücklich aufforderte, die Verschleierung abzulegen – so wie ihre Mutter es getan hatte. Schâh Dschahân sei im Gegensatz zu ihrer Mutter schwach und beeinflussbar. Aus diesem Grunde müsse sie die purdah ablegen.

Schâh Dschahân entgegnete, dass sie die purdah als notwendig für muslimische Frauen erachte und dass sie Griffins Aufforderung mit Nachdruck ablehne. Dabei sei es völlig irrelevant, was die westlichen Länder vom purdah-System hielten oder was die Fehler dieses Systems seien: es gehöre nun einmal seit eh und je zum Islam. Sie äußerte weiterhin, dass sie verwundert sei, eine solche Äußerdung von einem Repräsentanten der britischen Regierung zu hören, die doch ansonsten den Bräuchen und religiösen Gefühlen der Bevölkerung mit Toleranz und Geduld gegenüber stehe.

Die Begum blieb in der Frage ihrer Verschleierung unnachgiebig – Lepel Griffin allerdings auch. Anhand der vorliegenden Quellen ist es wahrscheinlich, dass die Frage der Ent-/Verschleierung nur die vordergründige Diskussion bildete und es in Wirklichkeit um das Ausfechten der Interessen der verschiedenen Eliten am Hof Bhopals ging. Letztendlich unterlagen die Anhänger der Begum und der Ahl-e hadîth: Muhammad Siddiq Hasan Khân wurde entmachtet und stand in seinem eigenen Palast unter Hausarrest. Er starb 1890.

Als Schâh Dschahân Begum 1901 starb, hatten sie und ihre Tochter Sultan Dschahân Begum sich vollständig entfremdet.

In einem waren sie sich jedoch einig: in der Frage der Verschleierung der muslimischen Frau.

Zu Sultân Dschahân Begum und ihrer Interpretation der Ent-/Verschleierung schreibe ich dann in der kommenden Woche!

Das Beitragsbild zeigt Sultân Dschahân Begum mit ihrem ältesten Sohn Obaidullâh Khân anlässlich des großen durbars (Versammlung) in Delhi 1911 anlässlich des Besuchs Königs George V und Queen Mary von England. Während dieses durbars wurde George V zum Qaisar-e Hind, zum Kaiser Indiens, proklamiert, und alle indischen Fürsten schworen ihm die Treue.

Für diejenigen, die sich gerne noch ein paar Bilder der Begums ansehen möchten: ich habe ein paar PINS in meinem Board Royal Bhopal zusammengestellt

https://de.pinterest.com/claudiapreckelg/royal-bhopal/

Bildnachweis:

  • Public Domain
  • File:Kaikhusrau Jahan, Begum of Bhopal at Delhi Durbar 1911.jpg
  • Created: 1 January 1911

 

Dr. Claudia Preckel hat von 2008-2015 zusammen mit Dr. Susanne Kurz an der Ruhr-Universität Bochum am Seminar für Orientalistik gearbeitet. Seit 2005 ist sie außerdem als freiberufliche Interkulturelle Trainerin tätig.

claudia.preckel@islam-consult.de oder clpreckel@gmail.com

 

 

 

 

7 Kommentare

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  2. Dieser Beitrag zeigt v.a. zwei Dinge:

    1) Auch muslimische Frauen konnten herrschen – nicht nur im Mittelalter.

    2) Muslimische Frauen wurden und werden keineswegs immer und überall zur Verschleierung gezwungen, auch wenn das natürlich vorkam und vorkommt.

    Was mich an den Begums fasziniert, ist auch die Namensgebung. Schâh Dschahân Begum ist erkennbar nach dem mächtigsten und prächtigsten Mogulherrscher benannt (zu dem ich demnächst noch komme). „Sultân Dschahân“ bedeutet ungefähr dasselbe wie „Schâh Dschahân“, nämlich „Herrscher der Welt“. Nur ist „Schâh“ persisch und „Sultân“ arabisch mit jeweils etwas unterschiedlichen Konnotationen. Und „Sikander“ (Sikandar) ist die arabische Form von Alexander. Die Damen waren also nicht gerade an Understatement interessiert.

    Ach ja: „zenânah“ ist persisch (heute: „zanâne“) für „weiblich“ bzw. „weiblicher Bereich des Hauses“. „Purdah“ ist die englische Schreibweise des persischen „parde“ (in klassischer Aussprache auch „parda“), und das bedeutet eigentlich „Vorhang“. Und der „durbar“ ist ebenfalls englisch umschrieben von „darbâr“ (Schwelle, auch: Hof). Man sieht also: Indien war Teil der „Persophonie“, des persischen Sprach- und Kulturraums. 🙂

    • Vielen Dank, Susanne, für Deinen Kommentar und natürlich den wichtigen Hinweis, dass Indien ein Teil der Persophonie war. Interessant ist auch, dass man in Indien auch heutzutage unterschiedliche Schreib- und Vokalisierungsweisen findet, die eben mehr oder weniger dem Persischen nahekommen.

      Ich finde es nach wie vor wichtig zu betonen, dass Frauen in der islamischen Geschichte auch SELBST zur Verschleierung geäußert haben – und das in ganz unterschiedlicher Weise. Bhopal ist ein gutes Beispiel dafür.
      Ja, und auch der Herrschaftsanspruch der Begums ist sehr deutlich – und durch die Namensgebung untermauert.

      Mehr zur Verschleierung (Sultân Dschahân Begums) in meinem nächsten Beitrag!

      • Ich finde ja auch, man sollte das Thema aktuell viel mehr MIT muslimischen Frauen diskutieren statt für sie. Die betrifft es schließlich.

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