Indo-muslimische Geschichte im TV: Razia Sultan

Auch im deutschsprachigen Raum erreichte der Bollywood-Sender Zee.One hohe Einschaltquoten mit der Bollyserie zur Mogulgeschichte, Jodha Akbar.
Nun geht eine weitere „episch-historische Hitserie“ auf Sendung: Razia Sultan – Die Herrscherin von Delhi. Angekündigt wird die Serie mit folgendem Text:

Der Weg auf den Thron ist schwer. Früh muss die schöne Prinzessin sich gegen Neider, Intrigantinnen und feindliche Armeen behaupten. Ihr Vater war als türkischer Sklave an den Königshof gekommen, und zum wichtigsten Berater des Sultans und Ehemann dessen Tochter Begum Qutub aufgestiegen. Von ihm lernt Razia Kampfgeist und Strategie. Ihr Großvater, der alte Sultan, lehrt sie Gnade und Besonnenheit.
….

Kann Razia sich gegen ihren rachsüchtigen Halbbruder Muiz, den Sohn ihres Vaters mit einer Sklavin, durchsetzen? Was entwickelt sich aus ihrer Kindheitsfreundschaft mit Malik, dem zukünftigen Regenten der Provinz Bathinda?

Ich persönlich war natürlich sofort begeistert von dieser Serie – als Bollywood-Fan und Islamwissenschaftlerin werde ich demnächst sicherlich häufiger über diese Serie bloggen. In der Serie geht es – wen überrascht das wirklich? – um Razias Aufstieg zur Herrscherin – vor allem aber um ihre (angeblichen) Liebesbeziehungen. Die Biographie Razias, die von 1205-1240 lebte,  bietet auch diesbezüglich einiges.

Wer jedoch erwartet, dass es eine historische Klarheit über die Figur von Razia gibt, wird bestimmt erneut enttäuscht war. Hatte ich ja schon damit angefangen, aufzulisten, warum es so schwierig ist, über Mogulgeschichte zu bloggen, steigert sich das Problem ja noch einmal, da Razia Sultân ja noch einmal knapp 300 Jahre VOR den Moguln lebte und herrschte.

Gesichert ist in jedem Falle, dass es Razia (eigentlich: Razîya oder Arabisch Radîya) bint Iltutmish tatsächlich gegeben hat, und sie vier Jahre lang über das Delhi Sultanat herrschte.

Die Herrschaft des Delhi Sultanates in Indien ging zurück auf einen türkischen Militätärsklaven (Mamluken) names Qutb ud-Dîn Aibek (st. 1210), der die Sklaven-Dynastie (ghulâmî khândân) begründete. Von seinem Geburtsort im heutigen Kirgistan konnte er Gebiete auf dem indischen Subkontinent erobern. Seine Hauptstadt war Lahore, später ja auch eine Hauptstadt der Moguln. Als er 1210 starb, wurde sein Schwiegersohn Shams ud-Dîn Iltutmish (auch Altumsh, st. 1236) nicht sein direkter Nachfolger, sondern im Jahr 1211 erst der übernächste.

Iltutmish war militärisch ebenfalls erfolgreich und konnte Herrschaft der Sklavendynastie in Indien festigen. Delhi wurde zum Zentrum und Hauptstadt des Reiches.
Razia war Iltutmishs ältestes Kind (mit seiner Frau Qutub Begum), und ihr Vater war sich Zeit seines Lebens darüber im Klaren, dass sie im Gegensatz zu ihren Halbbrüdern über außerordentliche Fähigkeiten und Intelligenz verfügte. Als er selbst kurz vor seinem Tod eine Militäraktion gegen das Gebiet um die heutige Stadt Gwalior durchführte, übertrug er Razia die Regierungsverantwortung während seiner Abwesenheit. Die einflussreichen 40 Generäle, die das militärische Rückgrat des Reiches bildeten, sprachen sich gegen Razia aus. Der berühmte Historiker Firishta, der 1620 starb berichtete dass Iltutmish gesagt haben soll:

“ Meine Söhne geben sich nur dem Wein und allen anderen möglichen Exzessen hin – keiner von ihnen hat die Fähigkeiten, das Reich zu führen. Razia ist besser als meine Söhne“

Aus diesem Grund hatte Iltutmish seine Tochter auch zu seiner Nachfolgerin, nachdem sein ältester Sohn Nasîr ud-Din plötzlich verstorben war. Doch Razias Gegner in der eigenen Familie bzw. im Harem waren sehr mächtig: Anstatt Razia bestieg nach Iltutmishs Tod ihr (Halb-) Bruder Rukn ud-Dîn Firûz den Thron. Rukn ud-Dîn war der Sohn der einflussreichsten Frau im Harem: Shâh Turkân. Sie stand hinter Rukn ud-Dîns Herrschaftsambitionen. Sowohl der Herrscher als auch seine Mutter galten laut Firishta als „extrem grausam“.
So wurden beide nur wenige Monate nach Rukn ud-Dîns Machtergreifung ermordet. Vor allem die Bevölkerung Delhis soll die anschließende Thronbesteigung Razias unterstützt haben, galt sie doch wie ihr Vater als weise und Förderin der Künste.

Doch auch Razia verfügte neben ihren vielen Unterstützern vor allem in der Bevölkerung Delhis über viele Gegner – vor allem unter den 40 Generälen.

Unter anderem bewegte die Frage, ob Razia in der Öffentlichkeit verschleiert oder unverschleiert auftrat, die Gemüter.

Und dass eine angedichtete (??) Affäre zur damaligen Zeit politische Auswirkungen haben konnte, wird uns in einer anderen Folge der Razia Sultan Reihe beschäftigen.
Dieser Blogbeitrag soll mit einem Gedicht des berühmten Dichters Amîr Chosrau (st. 1325) enden:

Für einige Monate war ihr Gesicht verschleiert
Wie ein Blitz kam der Strahl ihres Schwertes hinter dem Vorhang hervor
Die Schwerter waren in ihren Mänteln verblieben
Als viele Rebellionen unerwidert blieben
Doch dann zerriss sie mit einem königlichen Schlag den Schleier
Die Löwin zeigte so viel Kraft,

Dass tapfere Männer sich tief vor ihr verbeugten

Auch der Dichter war augenscheinlich von Razia beeindruckt……

Das Beitragsbild zeigt die offiziellen Münzen Razias – das Bild unterliegt der Wikimedia Commons Lizenz.

16 Kommentare

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  2. Möchte heutzutage jemand in einem Land mit Sklavenhaltung, Harem (= Frauengefängnis ?) und dergleichen leben ?

    Einen „schönen“ Einblick in diese Zeit bietet übrigens das Buch
    Der Eunuch von Konstantinopel
    von Zülfü Livaneli

    Eckhardt Kiwitt, Freising

    • rhetorische Frage 🙂 Natürlich widerspricht das Konzept eines Harem den Werten einer neuen, urbanisierten (globalen) Mittelschicht. Als solches ist ja auch die Serie Jodha Akbar zu verstehen, die dem historisch belegten Harem Akbars „die größte Liebesgeschichte aller Zeiten“ entgegensetzt und somit auf eben diese indische Mittelschicht (hinduistisch wie muslimisch) zur Zielgruppe hat. Zum Thema Sklaverei: ohne Zweifel ist diese in keiner ihrer Formen gutzuheißen, an keinem Ort und zu keiner Zeit. Einen interessanten Einblick in den „Islam and the abolition of slavery“ bietet das Buch von William G. Clarance-Smith. Komplexes Thema…. zum Thema Harem: hier muss man nochmals sagen, dass a) die Institution des Harem genau wie die Sklaverei keine rein islamisches Phänomen war. Und man muss sagen: neueste Forschungen zum Harem zeigen, dass die Frauen des Harems viel Handlungsspielraum hatten und knallharte Politik machten. Was das Buch angeht, so hatte ich diesen Roman als gut recherchiert empfunden, aber dennoch eher als Parabel verstanden

      • Zweifellos ist die Sklaverei nicht auf den islamischen Kulturkreis beschränkt. In den USA z.B. trauert manch einer womöglich noch heute der Zeit nach, da Sklaverei dort üblich war … und die in den USA dank eines pervertierten Justizsystems von Privat betriebenen Gefängnisse führen diese Tradition in gewisser Weise fort.

  3. À propos „Islamwissenschaft“:

    In den vergangenen Monaten habe ich einige Islamwissenschaftler gefragt, was mit den drei Göttinnen Al-Lat, Al-Uzza und Manah geschehen ist, die im Koran in Sure 53 Verse 19-20 erwähnt werden.
    Vielleicht habe ich diese Frage auch hier schonmal gestellt.
    Kann mir jemand eine Antwort geben ?

    • Sehr geehrter Herr Kiwitt, zwar weicht Ihre Frage ja schon sehr vom eigentlichen Blogpost ab, ich antworte aber mal als „Serviceleistung“ 🙂 unseres Blogs. In meiner „Einführung in die Islamwissenschaften“ habe ich auch immer auf diese „Töchter Allahs“ hingewiesen. Als Standard gelten hier die Werke von J. Wellhausen, vor allem „Reste arabischen Heidentums“ von 1897. Wir können davon ausgehen, dass viele Kultstätten in den Zeiten des Frühislam zerstört bzw. „übernommen“ wurden. ABER: noch aus dem 19. Jh. gibt es Reiseberichte, in denen von einer Verehrung dieser Gottheiten berichtet wurde – allerdings heimlich. Berichte aus dem 20. Jh. sind mir persönlich nicht bekannt…

  4. Ich habe neulich die Vorschau auf Zee.One gesehen, und bin schon ziemlich gespannt auf diese neue Serie. Und natürlich auf deine Blogposts zum Thema. 😉

    • Vielen Dank, Freidenkerin…. ich bin auch gespannt, wie sich die Serie so entwickelt. Es ist genug Material zum Bloggen da 🙂 Doch wo nehme ich die Zeit her?????

      • Ja, ja, die Zeit… 😉
        Akbars Urteil, seinen Sohn so lange bei der armen alten Frau im Dorf zu lassen, bis deren von Salim angeschossener Enkel wieder genesen ist, fand ich zwar hart, aber überaus weise… Ich habe neulich gelesen, dass sich Vater und Sohn zeitlebens nie so recht verstanden hätten – entspricht das den bekannten Tatsachen?

        • Ja, das stimmt.. das Urteil ist eines, wie es auch im islamischen Recht vorkam (habe mich gefragt, ob das ein Beispielfall war), wo es ja um Ausgleich geht. Es ist wohl richtig, dass Salîm und Akbar sich nie richtig verstanden, genau so wie Salîm und seine Brüder. Das setze sich dann ja noch 2 Generationen fort.. Also viel Material zum Bloggen…

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