Hadschi Halef Omar oder Wie traditionelle arabische Namen funktionieren

Vielleicht gehören Sie ja wie ich noch zur wahrscheinlich letzten Generation, die in ihrer Kindheit und Jugend Abenteuerromane von Karl May gelesen hat? Oder Sie kennen zumindest ein paar der (eher mäßigen) Verfilmungen?

Dann erinnern Sie sich bestimmt an den Helden der Orientromane: Kara ben Nemsi. Das soll so etwas wie “Karl, Sohn des Deutschen” heißen (Karl May hat sich ja sehr mit seinen Helden identifiziert). Stimmt zwar nicht ganz, weil “Nimsâ” nicht Deutschland ist, sondern Österreich, aber womöglich war ja der Sprachgebrauch Ende des 19. Jahrhunderts noch ein bißchen anders als heute. Ich habe es nicht nachgeprüft.

Dieser Held Kara ben Nemsi wurde jedenfalls von einem lustigen arabischen Gefährten namens Hadschi Halef Omar begleitet. Der wiederum hatte einen laaangen vollen Namen, den ich als Kind mit viel Vergnügen auswendig gelernt habe. Und zwar so gut, daß ich ihn jetzt noch aufsagen kann, ohne nachzuschlagen: Hadschi Halef Omar ben Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawud al-Gossarah. (Vorhin habe ich auf diversen Websites gelesen, daß man sich durch Kenntnis dieses Namens als “echter” Karl-May-Fan ausweisen kann – na, denn.)

Nun, egal, ob ich bei Ihnen jetzt Kindheitserinnerungen wachgerufen habe oder nicht: Diese Namensschlange beeindruckt sie doch bestimmt, oder? Die Frage ist nur: Haben Sie eine Ahnung, wie so ein langer Name zustande kommt? Wenn ja, wird es jetzt langweilig für Sie. 😉

Die verschiedenen Namensbestandteile

Da es in den arabischen Ländern bis vor nicht allzu langer Zeit keine Nachnamen gab, mußte man in dem recht häufigen Fall, daß zwei Menschen denselben Vornamen trugen, doch irgendwie zwischen ihnen unterscheiden können. Das tat man, indem man an ihren Eigennamen auch noch den des Vaters, manchmal auch den des Großvaters und weiterer Vorfahren anhängte. Ergänzt wurde das durch eine Herkunfts- oder Berufsbezeichnung am Ende des Namens.

Diese Herkunfts- oder Berufsbezeichnung enthält dann entweder den Namen eines Ortes, einer Region oder eines Stammes oder eben die Berufsbezeichnung (der Person oder eines Vorfahren) gefolgt von einem angehängten langen -î. In der Regel wird sie mit dem arabischen Artikel al- (“der, die, das”) an den letzten Namen der Namenskette angefügt.

Beispiele dafür sind: “der aus Bagdad” (al-Baghdâdî), “der vom Stamm der Kinda” (al-Kindî) oder “der Grammatiker” (an-Nahwî).

Es gibt aber noch mehr mögliche Namensbestandteile: Vor dem Vornamen steht häufig ein “Abû/Abu l-” gefolgt von einem weiteren Vornamen. Das bedeutet “Vater von”. Zum Beispiel Abu l-Hasan (“Vater von al-Hasan”) oder Abû Bakr (“Vater von Bakr). Bis heute wird unter Arabern dieser Namensbestandteil gern als höfliche Anrede benutzt.

Allerdings wartete man bald nicht mehr ab, bis ein Mann seinen ersten Sohn bekam, um dessen Namen einzusetzen, sondern man gab bereits den Jungen passend erscheinende Namen dieses Typs. Das heißt aber nicht, daß ein Mann nicht den Namen seines ältesten Sohnes hier einsetzen könnte. Frauen werden ebenfalls gern als “Umm X”, also “Mutter des X”, angesprochen.

Schließlich kommt es gerade bei historischen Persönlichkeiten oft vor, daß sie auch noch einen Ehrentitel tragen. Solche Titel enden oft auf “ad-Daula” (“der Dynastie”), “ad-Dîn” (“der Religion”), “al-Mulk” (“des Reiches”) oder ähnlich. Beispiele sind: “Rukn ad-Dîn” (“Säule der Religion”), “Fachr ad-Daula” (“Stolz der Dynastie”) oder “Nizâm al-Mulk” (“Ordnung des Reiches”). Solche Ehrentitel wurden ursprünglich vom Kalifen verliehen und werden heute manchmal auch als Eigennamen verwendet. So zum Beispiel “Saif ad-Dîn” (“Schwert der Religion”), auf persisch Seyfeddîn, auf türkisch Seyfettin.

Zwischen dem Vornamen einer Person und den Namensbestandteilen seines Vaters steht ein “ibn”. Das bedeutet: “Sohn von”. Dieses “ibn” verbindet auch den Namen des Vaters und den des Großvaters miteinander und so weiter. Als kurze Schreibweise hat sich in der deutschen Wissenschaft die Abkürzung “b.” durchgesetzt. Bei Frauen wird natürlich nicht “ibn” (“Sohn”) verwendet, sondern “bint” (“Tochter”). Das wird mit “bt.” abgekürzt.

Ein traditioneller arabischer Name – und solche Namen waren auch im persischen Sprachraum üblich – bestand daher aus folgenden Teilen:
(Ehrentitel) + »Vater des X« + Eigenname + »Sohn des Y« (evtl. weitergeführt mit »des Sohnes von Z, des Sohnes von…«) + Herkunfts-/Stammes-/Berufsbezeichnung mit der Endung -î

Wie paßt Hadschi Halef Omar in dieses Schema?

Doch was ist nun mit Karl Mays Hadschi Halef Omar? Wenn Sie sich seinen Namen gemerkt haben, wird Ihnen aufgefallen sein, daß hier das Schema nicht so richtig paßt. Schauen wir uns den Namen also nochmal genauer an:

Hadschi Halef Omar ist Karl Mays Schreibweise für Hâdschdschî Chalaf ‘Umar. Die Orientalisten haben sich erst nach seiner Zeit auf einheitliche wissenschaftliche Umschriftstandards geeinigt, also hat Karl May seine Schreibweise wahrscheinlich sogar einem Fachbuch entnommen. Aber weiter mit der Namensanalyse!

Hâdschdschî ist eine Ehrenbezeichnung für Leute, die nach Mekka gepilgert sind. Sie ist auch heute noch üblich. In Iran sagt man zu männlichen Mekkapilgern “Hâdschdsch Âqâ” (ungefähr: “Herr Mekkapilger”) oder “Hâdschdschî” und zu Frauen “Hâdschdsch Chânom” (ungefähr: “Frau Mekkapilgerin”). Oft wird diese Bezeichnung aber auch unabhängig von einer tatsächlich stattgefundenen Pilgerfahrt einfach als höfliche Anrede für ältere Menschen verwendet.

Chalaf ist der Vorname unseres Hadschi Halef Omar. ‘Umar scheint hier so etwas wie ein zweiter Vorname zu sein. Das ist nicht so üblich wie in Deutschland, aber anders läßt es sich hier nicht interpretieren.

Damit wäre Hadschi Halef Omar geklärt. Gehen wir also weiter durch die Namenskette: “ben” ist natürlich eine andere Schreibweise von “ibn”. Hadschi Abul Abbas ist Hâdschdschî, also wieder ein Mekkapilger, der “Vater von al-‘Abbâs” (Abu l-‘Abbâs). Von Halefs Vater kennen wir also nicht den eigenen Vornamen, sondern nur den Namensbestandteil mit “Abû”. Da Halef in seiner Familiengeschichte nach meiner Erinnerung keinen Bruder namens al-‘Abbâs erwähnt, hat Halefs Vater diesen Namen wohl schon als Kind bekommen.

Als nächstes kommt wieder ein “ibn”, das den Namen des Großvaters einleitet. In so einer Namenskette wird beim Sprechen und auch beim Schreiben das “i” von “ibn” weggelassen. Deshalb benutzt Karl May einmal die Schreibweise “ben” – das soll “bn” oder “bin” sein – und dann wieder die Schreibweise “ibn”. Ob er das nur des Klangs wegen getan hat oder weil ihm nicht bewußt war, daß es inkonsequent ist, weiß ich nicht. Rhythmischer ist Halefs Name so auf jeden Fall. Und damit leicht auswendig zu lernen. 😉

Dawud, manchmal auch Dawuhd geschrieben, ist Dâwûd, also die arabische Form des Namens David. So hieß Halefs Großvater, der natürlich auch wieder ein Hâdschdschî war.

Untypisch ist die Bezeichnung “al-Gossarah”, die diesem Großvater zugeordnet ist. Sie endet nicht auf “-î” und ist offenbar keine Stammesbezeichnung, da Dâwûd al-Gossarah einem anderen Stamm angehörte. Außerdem bezieht sich die Herkunfts- oder Berufsbezeichnung am Ende der Namenskette in der Regel (auch) auf den Namensträger und nicht (nur) auf den letzten Vorfahren in der Kette wie hier. Ich habe auch echte Probleme herauszufinden, was dieses Wort überhaupt heißen soll.

Im Hocharabischen gibt es nämlich kein “g”. Doch im Ägyptischen spricht man das weiche “dsch” als “g” aus. Das wäre also der nächstliegende Verdächtige. Das einzige Wort, das ich gefunden habe und das irgendeinen Sinn ergeben könnte, wäre “dschasâra”. Das bedeutet “Mut, Kühnheit” und dergleichen. Dann wäre “Dâwûd al-Gossarah” so etwas wie “der David der Kühnheit”. Unter “gh” und “k” habe ich jedenfalls keine bessere Option gefunden. In jedem Fall ist diese Endbezeichnung sehr eigenartig.

Falls also jemand von Ihnen eine Idee hat, welches Wort gemeint sein könnte, immer her damit! Vielleicht muß ich mich doch mal damit beschäftigen, wie Karl May eigentlich an die Namen seiner Figuren gekommen ist …

Doch zurück zu Halef! Zusammengefaßt wäre sein Name folgendermaßen zu analysieren:
Hâdschdschî (“Mekkapilger”, informeller Ehrentitel) Chalaf ‘Umar (Vornamen) ben (“Sohn des”) Hâdschdschî (s.o.) Abu l-‘Abbâs (“Vater des ‘Abbâs”) ibn (“des Sohnes des”) Hâdschdschî (s.o.) Dâwûd (Vorname) al-Gossarah (?)

Auf arabisch (unter der Voraussetzung, daß “Gossarah” eigentlich “Dschasâra” ist):

حاجی خلف عمر بن حاجی ابو العباس بن حاجی داوود الجسارة

Jetzt nochmal nach den Regeln

Und damit Sie nicht frustriert sind, gebe ich Ihnen jetzt noch ein Beispiel, in dem alle Bestandteile regelentsprechend enthalten sind. Sie kennen die Person schon aus meiner Nezâm-ol-Molk-Serie. 🙂

Nizâm al-Mulk (“die Ordnung des Reiches”, Ehrentitel) Abû ‘Alî (“Vater des ‘Alî”) al-Hasan (Vorname) b. (“Sohn des”) ‘Alî (Vorname) b. (“Sohn des”) Ishâq (Vorname) at-Tûsî (“aus Tûs”)

Auf arabisch:

نظام الملک ابو علی الحسن بن علی بن اسحاق الطوسی

Was das alles mit der “Persophonie” zu tun hat? Wie ich schon sagte: Solche Namen waren seit der muslimischen Eroberung auch im persischen Sprachraum verbreitet. Nur daß man sie im Persischen anders ausspricht und sich in persischen Werken auch sonst noch ein paar Kleinigkeiten ändern. Aber das erkläre ich Ihnen besser im nächsten Beitrag.

Literatur

Den Aufbau traditioneller arabischer Namen und die Fachbegriffe für die einzelnen Teile finden Sie bei Interesse hier:

Gerhard Endreß: Der Islam: Eine Einführung in seine Geschichte. 2., überarb. Auflage. München: Beck, 1991. S. 175-179.


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7 Kommentare

  1. Pingback: [Persophonie] Hadschi Halef Omar oder Wie traditionelle arabische Namen funktionieren – #Iran

  2. Interessant! Ich kannte bisher nur das “Sohn des”, und den Ehrentitel Hadschi (und zwar, weil dieser von Karl May in seinen Orient-Büchern selbst erklärt wird – ich habe die nämlich auch verschlungen). Die anderen Namensbestandteile sind mir neu.

    Wie ist das denn mit den “Vater des”-Namen, wenn die in der Kindheit des (zukünftigen) Vaters schon vergeben werden – nach welchen Kriterien sucht man die aus? Einen Namen, von dem man glaubt, dass der Vater ihn für seinen ersten Sohn wählen wird? Oder vielleicht sogar den Namen, den man sich für seinen Enkel wünscht? Und muss sich der so benannte Vater in spe daran halten? Diesen Teil habe ich noch nicht so ganz verstanden…

    • Völlig berechtigte Frage, die sich wohl nur ergibt, weil ich die Details nicht genau nachgeschlagen habe. 😉

      Die Auswahl des Namens erfolgte häufig in Anlehnung an den Vornamen des Jungen und religiöse Figuren. Zum Beispiel hieß Nezâm ol-Molk Abû ‘Alî al-Hasan. Der Vater des Prophetenenkels al-Hasan hieß ‘Alî. Man drehte also das Vater-Sohn-Verhältnis einfach um und nannte einen Jungen namens al-Hasan “Abû ‘Alî” (“Vater des ‘Alî”). Da es aber eine nicht zwingende, aber z.T. bis heute geübte Tradition gibt, den ältesten Sohn nach dem Vater seines Vaters zu benennen, wird es schon hin und wieder vorgekommen sein, daß so ein “Abû ‘Alî” im Endeffekt die Realität abbildete. Das lief dann so ab: ein ‘Alî bekam einen Sohn und nannte ihn nach dem Vorbild des Prophetenenkels al-Hasan. Diesem Jungen namens al-Hasan gab man den Beinamen Abû ‘Alî, weil das der Vater des Prophetenenkels war. Und Abû ‘Alî al-Hasan nannte seinen ältesten Sohn dann ‘Alî, weil das der Name seines Vaters war. Konnte natürlich nur so laufen, wenn der Großvater auch wirklich ‘Alî hieß.

      Daran halten mußte man sich aber nicht. Das wäre auch schwer zu erzwingen gewesen. Von den neun namentlich bekannten Söhnen des Nezâm hieß jedenfalls keiner ‘Alî, was natürlich nicht ausschließt, daß einer der angeblichen drei weiteren Söhne diesen Namen getragen hat.

      Hat diese Antwort weitergeholfen?

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