“Skinheads” und biedere Bürger – gegensätzliche Modelle des Sufilebens

Da Sie spätestens seit vorletzter Woche über Techniken und Gemeinschaften des Sufismus oder der islamischen Mystik informiert sind, können wir uns jetzt den Gegensätzen und Skandalen zuwenden.

Es gab nämlich nicht nur Bruderschaften, die sich in einem mittleren Spektrum aufhielten und sich vor allem in Detailfragen voneinander unterschieden, sondern auch krasse Gegensätze.

Die “Skinheads” aus der Überschrift nannte man qalandar. Sie kennen den Begriff vielleicht aus den Geschichten aus 1001 Nacht, wo gelegentlich einmal “Kalender-Derwische” auftreten – je nach Übersetzung in dieser oder einer anderen Schreibweise.

Die Qalandars waren keine Bruderschaft, sondern eine Bewegung, die sich im frühen 13. Jahrhundert von Iran aus nach Westen ausbreitete. Sie zogen ständig umher, bestritten ihren Lebensunterhalt durch Bettelei, rasierten Kopf-, Gesichts- und Körperhaare ab und brachten Eisenringe am Körper an. Sie waren also nicht nur “Skinheads”, sondern auch gepierct. 😉

Doch am problematischsten für breite Teile der Gesellschaft, aber auch für andere Sufis war, daß die Qalandars die religiösen Vorschriften bewußt mißachteten. Zum Beispiel unterließen sie das fünf Mal am Tag zu vollziehende Ritualgebet und hielten das Ramadan-Fasten nicht ein.

Diese Ablehnung der rituellen Pflichten wird von manchen als Fortsetzung einer früheren sufischen Denkschule betrachtet, die davon ausging, daß man der Eitelkeit jegliche Grundlage entziehen müsse, wenn man wirklich eine innere Nähe zu Gott gewinnen wolle.

Wie sollte das aber gelingen, wenn andere Menschen einem wegen der eigenen Frömmigkeit Respekt zollten? Der beste Ausweg war, sich eben nicht an die anerkannten Regeln zu halten, so daß man nicht respektiert oder gar bewundert, sondern getadelt und verachtet wurde.

Inwieweit die Qalandars tatsächlich Erben dieser Auffassung waren, ist jedoch umstritten. Denn für die ältere Bewegung war Selbsterniedrigung zentral, während die Qalandars eher als Freigeister beschrieben werden.

Am anderen Ende des Spektrums, der Qalandariyya-Bewegung völlig entgegengesetzt, stand die Bruderschaft der Naqschbandiyya (die es übrigens heute noch gibt). Sie entstand im 14. Jahrhundert im persophonen Zentralasien und fand später Verbreitung bis nach Indien und Kleinasien.

Ein prominenter Vertreter der Naqschbandiyya-Bruderschaft ist der persische Dichter Dschâmî (st. 1492), der während der größten kulturellen Blüte der Stadt in Herât lebte. Er war eng mit dem Timuridenhof verbunden, und die Naqschbandîs hatten auch grundsätzlich nichts gegen Nähe zu den Machthabern einzuwenden – was für Sufis und Religionsgelehrte keineswegs selbstverständlich war.

Einen Gegensatz zur Qalandariyya-Bewegung bildet die Naqschbandiyya aber vor allem deshalb, weil ihre Mitglieder streng auf die Einhaltung der religiösen Vorschriften achteten. Außerdem legten sie Wert darauf, einer Arbeit nachzugehen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen, statt ihn sich wie die Qalandars zusammenzubetteln.

Generell war es den Naqschbandîs wichtig, sich in die Gesellschaft einzubringen, während manche anderen Sufis und Asketen sich aus ihr zurückzogen oder sich – wie die Qalandars – sogar ihren Regeln und Konventionen entzogen und ihre Mitbürger brüskierten.

Zu dieser gesellschaftskonformen Ausrichtung der Naqschbandiyya paßte auch, daß sie das Gottesgedenken (dhikr) stumm ausführten und anstrebten, inmitten der Alltagsgeschäfte und in Gesellschaft anderer Menschen mit dem Bewußtsein bei Gott zu verweilen. Die Prinzipien, nach denen sich die Naqschbandîs richteten, erinnern denn auch sehr an das, was heute unter dem Schlagwort “Achtsamkeit” zusammengefaßt wird.

Naqschbandîs standen also voll im Leben, verhielten sich ganz wie biedere Bürger, ja, ihre Scheiche mischten sogar immer wieder in der Politik mit oder übernahmen sogar selbst die Herrschaft über ihre Region. Gleichzeitig übten sie sich aber in ständigem Gottesgedenken, Achtsamkeit und Gedankenkontrolle.

So unterschiedlich konnte Sufismus aussehen. Und es gab noch eine ganze Reihe von Schattierungen dazwischen sowie Gegensätze in anderen Aspekten.

Bildnachweis

Beitragsbild: Tanzende Derwische an Rûmîs Mausoleum in Konya
Quelle: Wikimedia Commons
Urheber: User:Intension
Lizenz: Creative Commons 3.0
unverändert übernommen

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2 Kommentare

  1. Pingback: [Persophonie] „Skinheads“ und biedere Bürger – gegensätzliche Modelle des Sufilebens – #Iran

  2. Sehr schöner Beitrag über die gegensätzlichen Ansätze der Sufi-Bewegungen, wie sie sich auch heute in Indien darstellen. Dort sind beide Bruderschaften bis heute sehr präsent.

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