Die Tugenden Razia Sultans – und ihre Kleidung

In einem ersten Blogpost über die Serie Razia Sultan ging es vor allem um die Rivalitäten zwischen der Herrscherin Razia (st. 1240)  und ihrem Stiefbruder Rukn ud-Dîn.

In diesem Beitrag soll es um das öffentliche Auftreten Razias und ihre Kleidung gehen. Ohne Zweifel war es ungewöhnlich, dass eine Frau zur Herrscherin unter ihrem eigenen Namen gekrönt wurde. Razia bemühte sich umgehend, auch nach außen zu zeigen, dass keine schwache Frau an der Spitze des Staates stand.

Zunächst einmal ist es schon auffällig, dass Razia bewusst den Titel Razia Sultân – also die männliche Form – und nicht die weibliche Form Razia Sultâna wählte. Zweitens gab sie sich bewusst das Image einer Kriegerin, die die wichtigen Fähigkeiten des Reitens und Bogenschießens beherrschte.

Der dritte und vielleicht auch wichtigste Punkt war die Kleidung, die Razia nach der Übernahme der Herrschaft anlegte. Razia legte bei den meisten ihrer öffentlichen Auftritte die Kleidung eines türkischen Adeligen am Hof des Delhi Sultanates an. In den Fällen, in denen sie in weiblicher Kleidung erschien, verzichtete sie jedoch völlig auf eine Verschleierung (purdah).

Der bedeutende marokkanische Reisende Ibn Battûta (st. 1377) besuchte ca. 100 Jahre nach Razias Tod das Sultanant von Delhi. Auch er war spürbar fasziniert von der (unverschleierten) Herrscherin (Ibn Battuta: The Rehla of Ibn Battûta. Baroda: Oriental Institute 1976, 34, Übersetzung CP):

Sie saß auf einem Pferd wie ein Mann, ausgestattet mit Pfeil und Bogen – und sie bedeckte niemals ihr Gesicht.

Diese Frage der Verschleierung bzw. nicht-Verschleierung Razias bewegte und beschäftigt bis zum heute – also mehr also knapp 800 Jahre nach ihrem Tod die Gemüter. So schrieb der Historiker Minaj ur-Siraj (zitiert nach B. Sadasivan: The Dancing Girl, S. 156, Übersetzung CP):

Sultan Raziya war eine großartige Monarchin. Sie war weise, gerecht und großzügig, eine Wohltäterin für ihr Königreich, sie spendete Gerechtigkeit, war Beschützerin für ihre Untertanen und die Anführerin ihrer Armeen. Sie war mit allen Qualitäten eines Königs ausgestattet, aber sie war nicht mit dem richtigen Geschlecht geboren worden, und so waren nach Ansicht der Männer alle ihre Tugenden wertlos.

Die Skepsis gegenüber weiblicher Herrschaft war in Indien weit verbreitet – Razia Sultan war jedoch ein Vorbild für weiteren weiblichen (muslimischen) Herrscher Indiens. Die Begums von Bhopal, die ab 1818 über hundert Jahre den Princely State von Bhopal beherrschten, benannten ausdrücklich Razia als ihr Vorbild. Auch im Auftreten ohne Schleier und als Kriegerin auf dem Pferd inszenierten sie sich und folgten Razias Beispiel.

Auf diese Weise wirkte das Vorbild Razias in Indien noch lange nach und konnte so nachhaltig in der populären Kultur Bollywoods verankert werden.

Deutlich ist auch, dass das Thema Ver- und Entschleierung in der islamischen Geschichte immer schon kontrovers diskutiert wurde. Es ist dabei wichtig zu betonen, dass Frauen diese Frage immer schon unterschiedlich beantwortet haben und dass es einen Interpretationsspielraum bezüglich der Notwedigkeit der Verschleierung gab und immer noch gibt.

Das Beitragsbild heißt “Ladies in Caboul” und entstammt einem Buch über Afghanistan aus dem Jahr 1848. Das Bild unterliegt der Wikimedia Commons License.

Das Bild zeigt die zentralasiatische Art der Purda.

[[File:Ladies cabul1848b.jpg|Ladies cabul1848b]]

3 Kommentare

  1. Pingback: [Persophonie] Die Tugenden Razia Sultans – und ihre Kleidung – #Iran

  2. Hallo,

    intressant. Aber wenn man z.B. Ibn Battutah zitiert, dann sollte man auch erklären was er meint. Z.B. in seinen Buch über seine Reise berichtet er bspw. über Nackte Frauen, meint damit aber ohne Hijaab, sprich das sie ihre Haare gezeigt haben.

    In ihren zitierten Text steht: ” und sie bedeckte niemals ihr Gesicht.”

    Der Niqab war auch nicht so üblich, in jeden Gebiet. Hände und Gesicht, nach Mehrheit der Gelehrten, muss nicht bedeckt werden, entsprechend der Hanafi auch. Und die Muslime in Indien, waren vorallem befolger der Hanafi Rechtssschule.

    Werde mal auf arabisch schauen was er noch so sagt.

    • Ja, ich sollte auch noch einmal in den Text schauen, ich werde es nachholen *versprochen*. Ich möchte aber noch darauf hinweisen, dass in Indien ja eine Gesichtsverschleierung für Frauen (in unterschiedlichen Formen) normal war und ist. Auch nicht-muslmische Frauen bedeck(t)en häufig ihre Gesichter mit ihrer Dupatta. Dass Razia also ihr Gesicht gar nicht bedeckte, mag bemerkenswert gewesen sein. Meiner Meinung nach waren tatsächlich heutzutage angewendete Formen “islamischer” Kleidung wie der Niqab oder der Chador nicht üblich. Man sollte daran denken, dass es sich bei den Herrschern des Delhi Sultanats um turkstämmige Reitervölker handelte (wie auch bei den Moguln) – da waren Bekleidungsformen wie ein niqab wohl eher hinderlich ….

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.